VAN DER GRAAF GENERATOR - Pawn Hearts
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Beatnik
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#1
11-04-2017, 06:17

   

VAN DER GRAAF GENERATOR - Pawn Hearts (Charisma Records CAS 1051, 1971)

Die Gruppe Van Der Graaf Generator gilt allgemein als die anspruchsvollste und für viele Musikkritiker auch als die beste progressive Rock Band (oder zumindest als ebenbürtig mit Gentle Giant und King Crimson). Dies, obwohl die Gitarre als eigentlich in diesem musikalischen Bereich zumeist dominierendes oder aber zumindest sehr wichtiges Instrument auf ihren Platten meist eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Bei etlichen Stücken der Band spielt die Gitarre gar überhaupt keine Rolle, weil sie höchstens schmückendes Beiwerk bedeutete, oder gar nicht erst vorhanden war. Peter Hammill's Kompositionen aber entspringen sehr oft eigentlich dem Singer/Songwriter Genre, allerdings orientieren sich diese Epen meist an moderner Klassik und sind von ungewöhnlicher Harmonik und oftmals repetitiven kleinen Melodien geprägt. Imgrunde ist das aber dennoch etwas völlig Eigentändiges und unerhört Ungehörtes. Es gibt wohl kaum eine andere Band, die von Folk, Blues oder Rock & Roll so weit entfernt musiziert hat, wie Van Der Graaf Generator; vom Funk und Soul sowieso und der Jazz spielt auch nur ab und zu eine Rolle. "Pawn Hearts" war 1971 das vierte Album der Gruppe und ist vom ursprünglich eher psychedelischen Nährboden der späten 60er Jahre schon weit entfernt. Zwar enthielt die originale LP nur drei Stücke, aber in diesen drei Glanzlichtern sind so viele unterschiedliche Parts enthalten, die letztendlich doch wieder schlüssig miteinander verbunden sind. Andere Gruppen aus der damaligen Zeit hätten daraus wahrscheinlich problemlos ein Doppelalbum basteln können.

Van Der Graaf Generator wurden im November 1967 von Chris Judge Smith (Gesang, Schlagzeug), Peter Hammill (Gesang, Gitarre) und Nick Pearne (Orgel) an der University of Manchester gegründet. Der Bandname spielt an auf den Van-de-Graaff-Generator, ein physikalisches Gerät. Der eigenständige Sound der Gruppe ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Orgel und Saxophon, dem weitgehenden Verzicht auf elektrische Gitarren und dem expressiven Gesang Peter Hammills. Ein weiteres Charakteristikum sind die düsteren, existenzialistischen Songtexte Hammills, die ihm den Beinamen "King Of Fear" (König der Angst) einbrachten. Die Musik pendelte von Anfang an zwischen lyrischen Passagen und heftigen, teilweise Free-Jazz-artigen Ausbrüchen. "Pawn Hearts" ist ein Werk, das wie andere Alben von Van Der Graaf Generator auf der Textebene viele negative Emotionen verhandelt. Auffällig ist neben den typischen Saxophon-Passagen von David Jacksons der hohe Anteil an obskuren Passagen. Van Der Graaf Generator werden häufig mit King Crimson und Genesis verglichen, wobei das Album "Pawn Hearts" eher Einflüsse des Stils von King Crimson aufweist, auch wenn die Arbeit von Robert Fripp im Mix nicht so prominent platziert worden ist, wie noch auf dem vorangegangenen Album "H to He, Who Am the Only One" von 1970.

Der Opener "Lemmings" beschreibt über Hammills kryptische Lyrics eine ausweglose Situation die musikalisch ebenso düster wie passend untermalt wird. David Jackson's Saxophon klingt oft wie eine zusätzliche Stimme und setzt die Effekte die notwendig sind um die bedrückende Stimmung dieser Komposition noch zu verstärken. Das chaotisch anmutende "Cogs" dürfte dann John Zorn gut gefallen haben. Fast anarchisch werden hier Kakophonien eingestreut und man meint, die Band zerstöre diesen Track nun absichtlich. Aber genau das setzt beim Hörer, der sich darauf einlässt, auch unerhörte Emotionen frei. Ungezügelte Wut wird hier zum Beispiel grossartig musikalisch umgesetzt, und schliesslich mündet das Ganze wieder in das Anfangsthema. Wenn der Song dann mit den Worten "What choice is there but to live ? To save the little ones ? What choice is there left but to try ?" und dem fast wehklagenden instrumentalen Outro endet, dann hat man eine emotionale Tour de Force hinter sich, die man vorher wohl noch kaum je so intensiv erlebt hat.

"Man-Erg" ist dann vielleicht eine der grossartigsten Kompositionen Hammill's, mit einer wundervollen zarten Melodie, die allerdings nach drei Minuten wieder in einen punkigen, instrumentalen Wutausbruch mündet. Die Schizophrenie, die gleichzeitige Anwesenheit von Gut und Böse wird hier musikalisch perfekt umgesetzt. Das erste Thema ist eindeutig klassisch inspiriert, das zweite erinnert stark an die frühen King Crimson und verebbt quasi nach weiteren eineinhalb Minuten. Danach geht es dann fast entspannt weiter, bevor wieder das zarte Anfangsthema aufgegriffen wird; das allerdings wird am Ende immer mehr vom zweiten Thema überlagert.

Die zweite LP Seite wurde vollständig von "A Plague Of Lighthouse Keepers" eingenommen. Die sich über 23 Minuten ausbreitende Mini-Oper über Isolation beginnt mit "Eyewitness" absolut grossartig. Dieses Anfangsthema steigert sich innerhalb von knapp drei Minuten enorm und wird vom klangmalerischen "Pictures/Lighthouse", in welchem David Jackson unter anderem hervorragend Nebelhörner imitiert, abgelöst. Man muss zugeben, dass dieser Track gerade hier seine Längen hat, und dass die spannungssteigernde Orgelpassage sich ein wenig in die Länge zieht. Die zweite Strophe geht in die Bridge "S.H.M." über, einem emotional sehr packendes Teil, das fast ein wenig zu kurz geraten ist. "The Presence Of The Night" zeigt dann wieder ein schräges, aber sehr eingängiges Thema, das nach den Zeilen "I know no more ways, I am so afraid, myself won't let me just be myself and so I am completely alone" in ein hoffnungsloses Chaos mündet. Anschliessend wird's mit dem versöhnlichen "Custard's Last Stand" fast melancholisch, bevor es in "The Clot Thickens" erst punkmässig losgeht, um danach zunehmend atonaler und auch durchaus anstrengend zu musizieren. Aufgelöst wird dieses Opus dann mit dem wieder sehr melodischen "Land's End/We Go Now". Instrumental und fast hymnisch endet diese verstörende, aber begeisternde Platte.

Trotz einiger zugegebenermassen anstrengenden Passagen ist "Pawn Hearts" ein packendes, aber auch ein recht sperriges Werk, welches man sich wohl am besten zuerst über die tollen Gesang-Motive Hammill's und die Texte erarbeitet, denn erst dann wird man erkennen, wie eindrücklich Musik und Text sich hier gegenseitig unterstützen. Allerdings ist diese Musik nichts für schwache Nerven, denn einem emotionalen Hörer verlangt sie doch so Einiges ab und eigentlich ist das definitiv keine Unterhaltungsmusik mehr, die man einfach so mal im Vorbeigehen konsumieren kann. Man muss diesen progressiven Meilenstein hören wie Klassische Musik: Aufmerksam und konzentriert, denn diese Musik ist sehr konzentriert und emotional und lässt keine flüchtigen Eindrücke zu. Erst, wenn man sich das gesamte Werk buchstäblich "erarbeitet" hat, offenbart sich einem die grandiose Ganzheit dieses erstaunlichen Werks, das bei weitem nicht das Einzige dieser Art von dieser bemerkenswerten Gruppe ist.



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Niecool
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#2
11-04-2017, 21:25

WOW, wie geil du die Platte beschrieben hast.
Wie in meinem Profil angegeben, ist Van der Graaf Generator meine absolute Lieblingsband, und das seit langem.
Und eben Pawn Hearts meine Lieblings-LP der Band.
Du schreibst " einem emotionalen Hörer verlangt sie doch so einiges ab" , vielleicht hatte ich deshalb nur einen Freund, der die LP ebenso genial fand. Etlichen Leuten, die ich die LP vorstellte oder empfahl, war die Scheibe zu " anstrengend" oder "sperrig".
Für mich ist diese "Mini-Oper" die beste Scheibe die ich kenne. Danke für die Würdigung dieser genialen LP....
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Beatnik
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#3
12-04-2017, 13:59

Auf Van Der Graaf Generator kam ich damals über Gentle Giant. Ich kann mich gut erinnern, wie ich damals dem Plattenhändler meines Vertrauens (dem ich wohl das meiste meines Lehrlingslohnes hinblätterte) in den Ohren lag, er möge mir doch Tipps geben, die nicht immer so "gewöhnlich" klingen würden. Mangels grösserer Erfahrung galt dabei die Gruppe YES immer als meine persönliche Messlatte: War eine Band nicht so anspruchsvoll wie YES, gehörte es zum sogenannten "mein persönlicher Mainstream", und der klang immer irgendwie rezykliert, wie schon mal gehört. Was gab es damals Bands: Led Zeppelin, Deep Purple, Bad Company, weiss ich was. Doch so richtig gefordert wurde ich erst bei solchen Sachen wie eben Gentle Giant und Van Der Graaf. Das meiste von Van Der Graaf hatte oder habe ich in den Jahren gehabt, habe es zum Teil auch bis heute in der Sammlung, und lege es mir immer wieder gerne auf. Aber "Pawn Hearts" war schon auch für mich immer irgendwie ein ganz spezielles Meisterstück, vielleicht auch, weil es damals das erste Album war, das mir von meinem Plattenhändler empfohlen wurde. Hm, vielleicht wollte es der Plattenhändler auch einfach an den Mann bringen, weil's kein Anderer kaufte....wer weiss....  Wink

Schön, dass Dir diese wunderbare Platte auch so viel geben kann.

Smile
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Helli
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#4
12-04-2017, 16:16

Ich find, 's ist eine ideenreiche und außerst vielschichtige Komposition, die mich in ihrer Komplexität stark bewegt.

Habe Pawn Hearts auf Grund deines Beitrags, Beatnik, justement "neu gehört".

Schlichtweg VAN DER GRAAF GENERATOR wie ich sie liebe ! Smile
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Lobo
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#5
12-04-2017, 18:16

Ich habe mir jetzt zum ersten mal ein ganzes Album auf YT angehört....
Überhaupt habe ich, steinigt mich jetzt nicht..., zum ersten mal ein ganzes Album von VAN DER GRAAF GENERATOR angehört.

Wow... was für'n Trip!

Klasse Vorstellung, klasse Musik!

  Thankyou
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Niecool
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#6
12-04-2017, 18:38

Sehr erfreulich, Lobo
Neben Pawn Hearts finde ich "H to He, who am the only one" "The last we can do is wave to each other" & "Godbluff" und "Still Life"
am besten. Auf neueren Scheiben wie "Present" gibt es teilweise freejazzige Passagen....
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KaWumm
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#7
13-04-2017, 18:56

Okay, überzeugt.

Ich konnte mit Van der Graaf nie viel anfangen. Ging nie an mich.
Aber jetzt versuche ich es nochmal.

Mal schauen, was diesmal dabei rauskommt.....
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Vergat
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#8
16-04-2017, 09:18

Ich kann mit dieser Musik - und die ähnlicher Bands - bis heute nichts  anfangen; findet keinen Zugang zu mir...
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egges
mitbürger mit inhalationshintergrund
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#9
16-04-2017, 09:50

peter hammill's "gesang" war, ist & wird nie meins sein
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zeulenroda fuer hauptstadt! jetzt!
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KateB
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#10
16-04-2017, 16:12

Freunde brachten mir diese Musik (in den 80zigern) näher.
Da waren..
Frank Zappa
King Crimson
Gentle Giant
VdGG
YES
Genesis
The Flock....und viele andere.

Ich mochte es gar nicht Shy
Den ganzen Abend solche Musik...mir dröhnte manchmal der Kopf, aber irgendwie gefiehl mir einiges mit der Zeit immer besser.
Voallem VdGG mit Hammills Gesang.

Zu DDR Zeiten kaufte ich dann 10 LP's (für 1000 Ost Mark) Smile
u.a. King Crimson, VdGG, Gentle Giant, Zappa und Marillion.
Bei uns gab es ja solche LP's nicht.
Nach der Wende kaufte ich mir natürlich auch die CD's.
Mein Musikgeschmack hatte sich dann also total geändert.
Ich muß vieles sehr oft hören und intensiver um sagen zu können...Oh ja das gefällt mir!
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[Bild: SignaturKR-W.gif]
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